10. Sind wir hier richtig?

Mähren (Tschechien)


Ronny S. schreibt: „Wenn ihr nach Tschechien fahrt, solltet ihr auf jeden Fall direkt hinter der Grenze in Mikulov Station machen. Auf Schloss Nikolsburg residierten schon Bismarck und Wilhelm I.!“


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„Direkt hinter der Grenze“ trifft es wirklich sehr gut: Das 7.000-Seelen-Städtchen Mikulov ist keine drei Kilometer von Österreich entfernt. Wir bummeln durch den Ort, der uns seltsam bekannt vorkommt: Ein Marktplatz, eine Säule in der Mitte, eine Burg – es ist, als hätte man Maribor nach Norden gespiegelt. Nur die Menschen sind sehr anders. Stiller. Regelrecht verhuscht. Egal ob in dem Café, neben dem wir unser Wohnmobil geparkt haben, auf dem Marktplatz oder im wunderschönen Park rund um die Burg – niemand spricht mit uns, wenn er es nicht unbedingt muss. Im Gegenteil: Menschen, die wir ansprechen, laufen einfach wortlos davon:

„Hello, do you know ...“ – zack, weg sind sie. Kroaten bleiben wenigstens stehen, um nicht mit dir zu sprechen. Aber hier? 

Erst auf dem Lidl-Parkplatz am Stadtrand kommt es zum ersten zwischenmenschlichen Kontakt. Während Stefan Lebensmittel einkauft, sitze ich im Auto und suche im Führer nach einem Campingplatz. Die Besitzer des Wagens neben mir, ein leicht untersetzter Mann und seine violetthaarige Frau, kommen zu ihrem Auto, gestikulieren, brummen vor sich hin und machen finstere Gesichter. Offensichtlich habe ich für ihren Geschmack zu eng geparkt. Der Mann stellt sich schließlich vor unser Wohnmobil, stemmt die Arme in die Hüften und schaut auf mein Nummernschild: 

„Aha. Ein FREUND aus Deutschland!“, sagt er mit stark osteuropäischem Akzent und das „Freund“ klingt nach allem, aber nicht nach Freundschaft. Ich setze mein harmlosestes Gesicht auf und versuche die Spannung aus der Situation zu nehmen:

„Soll ich ein bisschen zur Seite fahren? Damit Sie besser einsteigen können?“

Das wiederum scheint ihn völlig zu irritieren. Die Angriffslust verlässt sofort sein Gesicht, er zieht den Kopf ein, brummt „Nein, nein, geht schon“, steigt zu seiner Frau ins Auto und zack, weg sind auch sie. 

Gut, denke ich mir, daraus sollte man wohl noch keine voreiligen Schlüsse auf die Natur der Tschechen ziehen. Sehen wir’s mal realistisch: Dieselbe Situation hätte ich auf jedem x-beliebigen fränkischen Parkplatz genauso erleben können. Mit noch stärkerem Akzent.


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Die Auswahl an Campingplätzen in der Gegend ist überschaubar und so landen wir schließlich in 
Strachotín, einem 800-Seelen-Ort am Ufer des Nové- Mlýny-Stausees. Als wir ankommen, bin ich mir erst mal gar nicht sicher, ob wir tatsächlich auf einem öffentlichen Campingplatz sind. Alle Angestellten und sämtliche Mitcamper schauen uns jedenfalls an, als wollten sie sagen: „Was macht ihr denn hier?“ Wäre ich auf ein wildfremdes Grundstück gefahren, hätte dort eine private Gartenparty gecrasht, zwischen Pergola und Kirschlorbeer geparkt und die Chemietoilette schwungvoll in die Hecke entleert, hätte ich vermutlich kaum erstauntere Blicke geerntet.

Wir überlegen deshalb ernsthaft, sofort weiterzufahren, aber genau in dem Moment fängt es ganz fürchterlich an zu gewittern. Also suchen wir uns einen Platz und flüchten ins Campingrestaurant. Dort bestellen wir das einzige verfügbare Gericht, eine Art Reibekuchen, der nur teilweise aus Kartoffeln und zu mindestens zwei Dritteln aus Knoblauch besteht, und versuchen, mit anderen Gästen ins Gespräch zu kommen. Die Betonung liegt auf „versuchen“, denn wir machen dieselbe Erfahrung wie in Mikulov: Niemand spricht. Zumindest nicht mit uns.

Die Sprache ist natürlich auch ein großes Problem. Wir können kein Tschechisch und die Tschechen wenig Englisch. Immerhin: „Hallo“ heißt „Ahoj“, haben wir schnell gelernt. Das kann man aber auch gleich wieder vergessen, denn hier grüßt niemand. Zumindest nicht vor dem fünften Becherovka. Für mich als eingekölschten Grundlosgrüßer eine sehr irritierende Erfahrung. Von zehn gegrüßten Tschechen schauen neun irritiert weg und der zehnte sagt: „Fahren Sie sofort Ihr Wohnmobil von meinem Grundstück, das ist eine private Gartenparty!“ 

Immerhin: Es gibt Bier. Richtig gutes Bier. In anständigen Gläsern. Wir holen uns also zwei original Pilsener, setzen uns neben die tschechischen Campinggäste (beziehungsweise die Besucher der Gartenparty – ich kann es immer noch nicht mit absoluter Sicherheit sagen) auf eine Holzbank und stoßen mit unseren großen Bierkrügen an. Dann starren wir ein bisschen vor uns hin, sagen kein Wort und nippen immer mal wieder am Bier. Die tschechischen Gäste um uns herum machen genau dasselbe. Anscheinend haben wir uns schon ganz gut akklimatisiert.

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Marko H. schreibt: „Tschechien ist ein Traum, wenn man Schlösserfan ist. In Lednice könnt ihr durch die größte Park-anlage Europas wandern!“


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Wie kann es eigentlich sein, dass ich von „Europas größter Parkanlage“ noch nie gehört habe? Bin ich wirklich so westzentriert? So ignorant gegenüber allem, was sich östlich von Dresden abspielt? Und geht es nur mir so? Wenn man Deutschen ein Bild des Atomiums zeigt, weiß jeder sofort, wo es steht. Wenn Franzosen ein Bild von Neuschwanstein sehen, ist es vermutlich nicht anders. Wenn man dagegen jemandem, egal ob einem Deutschen, Franzosen, Belgier, Spanier oder Portugiesen, ein Bild des ockergelben neugotischen Schlosses Lednice und der dazugehörigen gigantischen Parkanlage, die sich bis zum sieben Kilometer entfernten Valtice zieht, zeigen würde – wer würde es wohl erkennen? Aufmerksamkeit ist innerhalb der EU ziemlich ungerecht verteilt. 

All das geht mir durch den Kopf, als wir nach einem ausgedehnten Bummel durch den Schlosspark mit all seinen Teichen und Tempeln und Triumphbögen in einem Restaurant an der Lednicer Hauptstraße sitzen. 

Stefan unterbricht meine Grübelei: „Das mit dem Essen könnte wieder spannend werden“, sagt er, während er ein bisschen ratlos in die Speisekarte schaut. Wir haben in den letzten beiden Tagen schnell gemerkt, dass tschechisches Essen eine fast noch größere Herausforderung ist als die tschechische Sprache. Gerade bei den hochsommerlichen Temperaturen: Egal wo wir sind – es gibt Fleisch mit Fleisch an fleischgefüllten Fleischklößen. Bei jedem Bissen stirbt ein „Fit for Fun“-Redakteur. Während ich im Zweifel immer noch mit einer Wurst vom Grill zurechtkomme, fallen die Mahlzeiten für Stefan sehr spärlich aus.

Wir fragen also den Kellner, der ausnahmsweise nicht wegrennt und sich große Mühe gibt, mit uns auf Englisch zu kommunizieren: „Gibt es hier irgendwas ohne Fleisch?“

„Natürlich“, sagt er und deutet auf die Karte: „Spaghetti Bolognese.“

„Die ist … ohne Fleisch?“

„Ja, klar, ganz ohne Fleisch!“

„Na gut, dann einmal die Grillplatte und eine Spaghetti Bolognese.“

Der Kellner verschwindet. Zwei Minuten später taucht er wieder auf und wirkt zerknirscht: „Da ist wohl leider doch Fleisch drin.“

„Nicht schlimm“, sagt Stefan. „Gibt es denn irgendwas anderes ohne Fleisch?“

Er überlegt kurz. „Wir könnten vegetarisches Gulasch machen.“

„Okay, klingt toll. Dann nehme ich das.“

Der Kellner verschwindet wieder.

Ich schaue Stefan an: „Du weißt, was jetzt kommt, oder?“

Er nickt: „Ich hab so ’ne Ahnung.“

15 Minuten später kaue ich auf einer deftigen Grillwurst im Speckmantel herum, während Stefan seine Gulaschbrühe löffelt. Das „vegetarische Gulasch“ entpuppte sich wie erwartet als normales Gulasch, aus dem unser Kellner mit viel Liebe zum Detail die Fleischbrocken herausgefischt hatte.

Na ja. Auch das hätte uns in Franken passieren können. Außerdem: Der Wille zählt. Stefans Gesicht nach zu urteilen, macht der Wille allein aber nicht besonders satt.

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Florian H. schreibt: „Schon mal tschechischen Wein probiert? Im Pálava-Gebiet bei Strachotín gibt es jede Menge Buschenschenken!“


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Wir sitzen auf der Außenterrasse einer Weinhandlung in Pavlov und schauen etwas unsicher. Gerade schenkt uns ein als Vampir verkleideter Kellner goldglänzenden Riesling ein. Die Terrasse ist bunt geschmückt, überall hängen Krepppapier und kleine Fähnchen, alle Angestellten tragen Kostüme, im Hintergrund läuft laute Kindermusik. Warum, wissen wir nicht. Ich traue mich auch nicht zu fragen, denn ich habe Angst, dass unser Kellner in guter Tschechen-Tradition einfach davonläuft, wenn ich ihn anspreche. Oder, passend zum Kostüm, zu Staub zerfällt. Ich schaue Stefan an, der mindestens genauso ratlos dreinblickt wie ich. Irgendwann siegt meine Neugier:

„Entschuldigung, ich muss es fragen: Warum sind Sie alle verkleidet?“

Der Vampir bleibt zum Glück bei uns, schaut mich etwas traurig an und sagt: „Na, heute ist doch Tag des Kindes!“

„Ach. Davon haben wir noch gar nichts mitbekommen.“

Er zuckt die Schulter: „Manche feiern, manche feiern nicht. Wir feiern“, sagt er, während seine schwarz geränderten, müden Augen so ziemlich das Gegenteil von „feiern“ ausdrücken.

„Und … wann kommen die Kinder?“, frage ich.

Er zuckt wieder die Schulter: „Hier kommen eigentlich nie Kinder vorbei. Ist ja ’ne Weinhandlung.“

Ich nicke. Dann schaue ich zu Stefan, der jetzt noch ratloser wirkt. Ich selbst weiß nicht so recht, ob ich laut losprusten oder dem traurigen Vampir tröstend über den Kopf streicheln soll. Andererseits: Vielleicht ist diese Episode ja ein wichtiger Schritt auf unserem Weg zum besseren Verständnis der Tschechen und ihrer Kultur. Denn eines kann ich mit Sicherheit sagen: Erst wenn dir ein schlecht geschminkter tschechischer Vampir-Sommelier die Vorzüge des mährischen Welschrieslings erklärt, während seine Kollegin traurige Seifenblasen vor sich hin bläst und im Hintergrund Karel Gott die „Biene Maja“ singt, verstehst du richtig, was „kafkaesk“ bedeutet.


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Vladi S. schreibt: „Falls dir ,Game of Thrones' allmählich ein bisschen fehlt: In Brünn gibt’s zumindest 'nen Drachen!“ 


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Kein Zweifel: Brünn hat uns gerettet. Beziehungsweise unseren Plan vom Tschechien-Urlaub. Nach unserem etwas freudlosen Start hier waren wir wirklich kurz davor, wieder kehrtzumachen und uns für den Rest unserer Reise hinter österreichischen Käseplatten zu verschanzen. Es hat auch nicht gerade geholfen, dass der Reiseführer, den ich mir auf mein iPad geladen hatte, mit Sicherheit das miesepetrigste Stück Reiseliteratur ist, das ich jemals gelesen habe. Ich habe keine Ahnung, wie man einen guten Reiseführer schreibt, aber wenn der Autor auf jeder zweiten Seite eine Formulierung wie „… kann man natürlich nicht mit der Schönheit der Toskana vergleichen“ oder „… ein nettes Städtchen, wenn man die verträumten südfranzösischen Winzerorte nicht kennt“ verwendet, darf man schon mal fragen, ob er in der Toskana oder in südfranzösischen Winzerorten nicht vielleicht besser aufgehoben gewesen wäre.

Wir fanden einen schattigen Campingplatz in 
Veverská Bítýška, einem kleinen Ort 15 Kilometer vor den Toren Brünns. Und hier kam zum ersten Mal in Tschechien so was Ähnliches wie ein Urlaubsgefühl auf: Stefan wurde wieder deutlich gesprächiger, wir plauderten mit anderen Urlaubern, machten eine Radtour nach Bisterz, fuhren mit dem Schiff auf der Svratka zurück und kauften Honig bei Eliska, der fröhlichen, weißhaarigen und scheinbar jede Sprache der Welt sprechenden Campingplatzbesitzerin. Am dritten Tag nahmen wir den Zug in die Brünner Innenstadt und trafen unterwegs auf weitere Tschechen, die ganz und gar freiwillig mit uns redeten: Eine freundliche Bahnangestellte lief uns sogar hinterher, um zu sehen, ob wir am richtigen Gleis stehen – was uns nicht davon abhielt, erst zu früh auszusteigen, dann an Brünn vorbeizufahren und schließlich ein längliches Stündchen auf den nächsten Zug zurück zu warten. Statt „Ahoj“ hätte ich vielleicht lieber „Hauptbahnhof“ auf Tschechisch lernen sollen.

Jetzt bummeln wir durch die Brünner Innenstadt, die die lange Reise locker wert ist: Alles hier ist hell und freundlich und aufgeräumt. Es gibt Restaurants mit einladenden Außenterrassen, einen riesigen Wochenmarkt, imposante Kirchen und selbst die Kapuzinergruft, in der uralte Mönchsmumien auf kaltem Steinboden liegen, was das Ganze laut Simon Winders Habsburger-Buch „Danubia“ wie ein „äußerst erfolgloses Hospital“ wirken lässt, kann die Stimmung nicht nach unten ziehen.

Im Durchgang des alten Rathauses entdecken wir schließlich auch noch den „Brünner Drachen“, der angeblich im Mittelalter aus der Svratka gefischt wurde und, ich sag’s mal vorsichtig, um keine Legenden zu zerstören, einem handelsüblichen Krokodil zum Verwechseln ähnlich sieht. (Warum sich im 16. Jahrhundert ein Krokodil in einen tschechischen Fluss verirrt, bleibt natürlich eine spannende Frage.) Schließlich sitzen wir in einem Café, trinken italienischen Espresso, genießen die Sonne und ich merke, wie sich unsere Stimmung von Minute zu Minute aufhellt. Brünn, das ist ein einziger, lang gezogener und heilsamer Durchatmer.


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Irgendwann war leider auch dieser Durchatmer vorbei. Nach vier Nächten verabschiedeten wir uns von Eliska, nicht ohne vorher noch ein Glas Honig aus ihrer eigenen Imkerei geschenkt bekommen zu haben. Da wir für die Weiterfahrt keinen wirklichen Plan hatten, sitzen wir jetzt auf einem Campingplatz in Znaim, einer kleinen Stadt 70 Kilometer westlich von Brünn, die eigentlich nur für eines berühmt ist: ihre Gurken. (Die „Znaimer Gurke“ hat es sogar zum Maskottchen der Stadt geschafft und mir tun sämtliche Teenager leid, die ihr Taschengeld im Sommer damit aufbessern, in einem knubbelig-grünen Gurkenkostüm durch die Stadt zu tapsen und die zwei, drei vorhandenen Touristen zur hemmungslosen Salzgurkenverkostung zu animieren.) Neben uns lassen gerade gut gelaunte Tschechen ihre Kanus zu Wasser, auf dem Volleyballplatz schmettern Jugendliche sich ein paar Bälle zu, wir trinken tschechisches Bier und trotzdem beschleicht mich schon wieder dieser dumpfe Mähren-Blues: Die ganze Gegend verströmt eine unterschwellige Trostlosigkeit. Wenn ich nach rechts schaue, sehe ich zum Beispiel ein riesiges Klostergebäude, nach dem sich bayerische Denkmalschützer alle zehn Finger abschlecken würden. Hier verfällt das Ding vor sich hin, der Putz blättert ab und der Wind pfeift durch die zerschlagenen Fenster. Vielen Wohnhäusern im Ort geht es nicht besser. Das fällt besonders krass auf, wenn man vor einer Woche noch durch die durchdekorierte Puppenstubigkeit der Steiermark gewandert ist. Für so etwas haben die Menschen hier einfach kein Geld. Wenn dir eine Bäckereiverkäuferin in Znaim erzählt, dass sie 48 Jahre lang als Lehrerin gearbeitet hat und jetzt, mit 70, drei Jobs hat, weil ihre 300 Euro Rente einfach nicht zum Leben reichen, kann man sich denken, dass da kein Geld für Dekokram von „Depot“ übrig bleibt.

Ich schaue zu Stefan, der wortlos auf seinem iPad herumtippt. Seit wir Brünn verlassen haben, ist er wieder deutlich stiller geworden. An der Reiseplanung beteiligt er sich schon gar nicht mehr. Kein gutes Zeichen. Es wird Zeit, etwas zu ändern: 

„Wir müssen das anders angehen.“

Stefan schaut auf.

„Dieses ganze Tschechien-Ding, das funktioniert so nicht. Wir werden ja noch depressiv hier. Wir brauchen mal ein bisschen Action. Und vor allem müssen wir mal richtig mit Menschen in Kontakt kommen. Wir müssen da hin, wo die Tschechen Spaß haben. Wo die tschechische Seele aufblüht. Wo das Herz der Tschechen schlägt.“

Stefan zuckt die Schulter: „Von mir aus gerne. Die Frage ist bloß: Wo soll das sein?“

Mein Blick fällt wieder auf unsere tschechischen Nachbarn und ihre Kanus. Dann stehe ich auf und klappe meinen Campingstuhl zusammen: „Blas die Schwimmflügel auf. Jetzt wird gepaddelt!“