1. Kasnudel Country

Lesachtal, Kärnten (Österreich)


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Mike M. schreibt: „Unbedingt das Lesachtal in Kärnten anschauen! Das naturbelassenste Tal Europas mit vielen Selbstversorgern und Bauernhäusern von 1650 … Übrigens: Wenn du „James Bond“-Filme magst, könnte dir die Gegend bekannt vorkommen!“ 


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Erste Station also: Kärnten. Da werden Kindheitserinnerungen wach: In den 80ern und 90ern fuhr Familie Barth jedes Jahr in den Sommerferien mit einem sehr voll bepackten VW Santana gefühlte 80 Stunden nach Kärnten. Drei Kinder im Fond, fünf Fahrräder auf dem Dach, es ging mal an den Faaker See, mal an den Klopeiner See, wir wohnten immer in einer rumpelig-rustikalen Ferienwohnung, deren Vermieter Pichler oder Wertschnik hießen, und dann verbrachten meine Brüder und ich den Sommer zur einen Hälfte im Schilf-Urwald rund um den badewannenwarmen See und zur anderen Hälfte vor den Spielautomaten des örtlichen Strandbads. Irgendwann wurde ich erwachsen und entdeckte, dass man auch sehr gut in Gewässern schwimmen kann, die größer als zwei Fußballfelder sind und weniger als 40 Grad Wassertemperatur haben. Seither verbrachte ich die meisten Urlaube am Mittelmeer oder an der Atlantikküste.

Vor einigen Jahren machten mein Mann Stefan und ich trotzdem auf einer Fahrt Richtung Süden mal halt am Faaker See. Und ich war, vorsichtig formuliert, etwas unterbegeistert. Irgendwie war aus dem sonnenbeschienenen Wunderland meiner Kindheit ein leicht abgerocktes Ex-Ferienparadies mit angegilbten Campingplätzen und grasüberwucherten Minigolfbahnen geworden. Gut, es war Mitte April. Es regnete den ganzen Tag und die ganze Nacht, die Reifen unseres Wohnmobils blieben im durchgematschten Untergrund des Campingplatzes stecken und alle Einheimischen schauten uns an wie Gastgeber, deren Gäste zwei Monate zu früh zur Party aufkreuzen. Am nächsten Tag brachen Stefan und ich sehr früh auf und seitdem lag „Kärnten“ auf meiner Liste möglicher Reiseziele noch deutlich hinter Sprockhövel und dem Industriegebiet Frechen. Aber ab und zu sollte man seine Vorurteile ja auf den Prüfstand stellen.


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Apropos Stefan: Vielleicht sollte ich erst mal meine Reisebegleitung vorstellen. Diese Tour war ja in erster Linie keine Recherchefahrt, sondern ein stark verlängerter Familienausflug von meinem Mann, meinem Hund Bärbel und mir.

Stefan und ich waren mittlerweile fast 15 Jahre zusammen, sechs davon in einer Fernbeziehung, neun weitere mit sehr viel Pendelei und sehr wenig gemeinsamer Zeit. Eigentlich hatten wir noch nie mehr als vier Wochen am Stück zu zweit verbracht. Irgendwann fassten wir dann den Entschluss: „Wenn wir mal 65 sind, setzen wir uns in unser Wohnmobil und fahren kreuz und quer durch Europa.“ Diesen Plan trugen wir jahrelang vor uns her wie eine Möhre, die man einem Rennpferd vor die Nase hält. Und wir rannten hinterher.

2015 hatte Stefan dann einen Schlaganfall. Und plötzlich war alles anders. Denn obwohl er sich davon relativ schnell und gut erholte, fragten wir uns auf einmal: „Was, wenn wir gar keine 65 werden? Wenn wir nie bei der Möhre ankommen? Wenn vorher einer lahmt? Oder umkippt?“ Das war der Moment, da wir beschlossen, den Plan von der Auszeit nicht mehr länger vor uns herzuschieben. Wir schrieben zahlreiche Mails, sprachen mit Kollegen, Agenten, Chefs, mit Freunden und Familie. Und je länger wir überlegten, um so sicherer waren wir uns: Wir machen das. Wir wollen sechs Monate lang raus aus allem. Sechs Monate lang nichts müssen. Die Möhre einfach sofort fressen. Und dann mal schauen, ob’s vielleicht noch eine gibt.

Einen konkreten Plan hatten wir nicht. Vorbereitung gab’s auch wenig. Wir starteten mit einem sechswöchigen Urlaub in Südamerika. Als wir zurückkamen, stiegen wir in unser Wohnmobil und fuhren los. Ich wusste nur: Ich möchte unbedingt mal wieder nach Griechenland. Alles andere sollte sich unterwegs ergeben. 

Ich will nicht spoilern, aber: Es war die beste Entscheidung unseres Lebens.


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„Europas naturbelassenstes Tal“ – eigentlich war schon dieser Slogan Grund genug für unseren Schlenker ins Lesachtal. Einfach nur, weil ich wissen wollte, wie man denn „Naturbelassenheit“ misst. Anzahl der Straßen? Qualität des Handynetzes? Schamhaardichte der Einwohner? Das Internet gibt jedenfalls keine Auskunft dazu. Für mich sah das Lesachtal auf den ersten Blick eben aus wie ein Tal – wenn man mal davon absieht, dass man einen wirklich spektakulären Bogen fahren muss, um überhaupt in diese gottverlassene Ecke Österreichs zu gelangen: über Zell am See Richtung Süden, dann an der Drau entlang Richtung Osten und bei Kötschach wieder Richtung Westen, hinein ins Tal. Wenn ich ein international gesuchter Gangster wäre und mich irgendwo in Europa verstecken müsste: Das Lesachtal wäre meine erste Wahl. 

Zu allererst möchte ich natürlich klären, was die Gegend hier denn mit den „James Bond“-Filmen verbindet. Willy, ein Biobauer und Fremdenführer, hinter dessen Hof wir mit unserem Wohnmobil Rast machen, gibt mir zum Glück gerne Auskunft: Im letzten „James Bond“-Abenteuer „Spectre“ gibt es eine Szene, in der Daniel Craig mit einem Flugzeug in eine Almhütte rauscht. Und eben diese Hütte steht genau hier, im Lesachtal. Na ja: stand.

Wie sich solche Dreharbeiten mit der Naturbelassenheit des Tals vereinbaren lassen, kann Willy uns leider auch nicht erklären. „Europas naturbelassenstes Tal, es sei denn, James Bond fliegt gerade vorbei und zerbumst hier alles“ war aber wohl zu lang für die Werbeflyer.


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Drei Prozessionen. Es ist ein ganz normaler Montagabend in Kärnten und wir sind bereits an drei Prozessionen vorbeigefahren. Kilometer um Kilometer schrauben wir uns in diesem verlassenen Zipfel Österreichs die Serpentinen hoch, vorbei am Heilklimastollen Barbara und an Holzhütten, auf die ein mitteilungsbedürftiger Einheimischer mit Sprühfarbe „Rübezahl lebt!“ geschrieben hat. Tatsächlich wäre ich nicht sonderlich überrascht, wenn der finstere Berggeist uns hier vor die Stoßstange hüpfen würde. Immer weiter schieben wir uns nach Westen, Richtung Liesing, immer höher in die Berge, zwischen die Wolken. Und immer wieder erschrecke ich, wenn hinter einer Kurve ein Trupp Gläubiger mit hochgerecktem Kruzifix und weihrauchschwenkenden Ministranten auftaucht. Ich könnte nicht mal sagen, welcher Feiertag gerade zelebriert wird. Vielleicht ist auch gar kein Feiertag und das ist einfach ein ganz normaler Abend in Kärnten. „Ui, schon 18 Uhr? Schnell, Sepp, hol die Monstranz!“ Hier ist nun mal alles ein bisschen konservativer, katholischer. Wer in Kärnten drei Schritte in eine beliebige Himmelsrichtung geht, wird auf jeden Fall an einer Kapelle, einem Kruzifix oder einer aus den Augen blutenden Madonnenfigur vorbeikommen. 

Als wir endlich am Ziel sind, legt der Katholizismus erst so richtig los: Abends sitzen wir in einer rustikalen Bauernwirtschaft unter dem Bild von Kardinal Ratzinger, der sich hier laut angeheftetem Zeitungsartikel auch schon ein paar Kasnudeln gegönnt hat. Und später ist die erste Frage des Milchbauern in Obergail (manche Übernachtungsorte wählt man zugegebenermaßen nur wegen des Namens aus), der uns auf seinem Parkplatz übernachten lässt und skeptisch von oben bis unten mustert: „Seid’s ihr ganz allein unterwegs? Ohne Frauen?“

„Haha, na ja … ähm … legen Sie doch erst mal die Mistgabel weg!“

Das wird eine spannende Zeit.


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Wandert von Obergail Richtung Hundstrichsee und kehrt unterwegs bei der Hütte ein“, schreibt Mike M. weiter. „Sensationelle Brotzeit und die Chefin ist DIE Kräuterfachfrau in der Gegend!“


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Meli bringt uns die dritte Maiwipferlschorle – ein Gebräu aus den jungen Trieben der Fichte, es schmeckt ein bisschen nach Erkältungsbad, aber süß und gleichzeitig erfrischend. Wir sitzen in der von Mike empfohlenen Hütte, die berühmte Kräuterhexe ist leider nicht da, dafür ihre Tochter Meli. Sie erzählt uns von dem gut bezahlten Job in der Verwaltung, den sie vor Kurzem hingeworfen hat, um möglichst viel zu reisen. Zwischendurch verdient sie Geld in dieser Gaststätte oder als Fremdenführerin bei Gruppenreisen in Kanada.

„Wer sind denn die anstrengendsten Gäste bei solchen Reisen?“, frage ich.

Sie seufzt: „Pensionierte deutsche Lehrer.“

Man hätte drauf kommen können. 

„Warum genau?“

„Die wollen alles wissen. Wirklich ALLES. Wie hoch ist der Berg? Wie alt wird dieser Baum? Wie heißt dieser Farn? Und ich muss immer antworten.“

„Respekt. Woher weißt du das alles?“

Sie lächelt: „Ich weiß nicht mal ein Drittel. Den Rest erfinde ich. In den kanadischen Bergen hat keiner von denen Internet. Wer soll’s kontrollieren?“ Lächelnd nimmt sie unsere Gläser. Dann packt sie uns für ein paar Euro einen Jausenrucksack und wir machen uns wieder auf den Weg. 

Der Aufstieg ist anstrengend. Ich habe ganz vergessen, dass man sich auf Schwierigkeitsangaben bei österreichischen Wanderwegen nicht verlassen sollte. Ein Volk, das zur einen Hälfte aus sehr sportlichen Menschen und zur anderen Hälfte aus Extremsportlern besteht, kann einfach nicht so gut beurteilen, was wir Rheinland-Spazierer „anstrengend“ finden. 

Völlig erschöpft erreichen wir den Hundstrichsee mit seinem „Schwimmenden Jausentisch“: einem Floß mit zwei Bierbänken und einem Tisch in der Mitte. Insgesamt eine wackelige Angelegenheit und unser Hund beschließt deshalb spontan, sich die Sache lieber vom Ufer aus anzuschauen. Wir dagegen lassen uns aufs Wasser hinaustreiben und packen die Brotzeit aus, die uns Meli in den Rucksack gepackt hat: Speck, Käse, Tomaten, frisches Brot, Quark, Pfefferbeißer, noch mehr Käse – das Extremsportlervolk scheint auch einen extremen Hunger zu haben. 

Der Himmel zieht sich zu. Die ersten Regentropfen fallen auf die spiegelglatte Oberfläche des Sees und es wird urplötzlich kalt. In diesem Moment legen Stefan und ich eine Regel fest, an die wir uns in den nächsten vier Monaten eisern halten werden: „Egal was kommt: Sobald es regnet, ziehen wir weiter.“


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Moritz stellt zwei Bierbänke übereinander. Er ist seit zwei Tagen zurück von einem Cocktailkurs in Südafrika und baut sich jetzt eine improvisierte Theke, um am nächsten Tag in der Bauernhofwirtschaft seiner Eltern den Gästen ein paar Frozen Daiquiris zu mixen. Sein Vater Martin, der Milchbauer, der immer noch nicht zu verstehen scheint, warum zwei Männer ohne Frauen im Wohnmobil durch die Gegend fahren, unterstützt Moritz’ Barkeeperpläne, wo es geht, denn er weiß, dass sein Sohn den Hof nicht übernehmen wird. Die Milchwirtschaft ist kein lohnendes Geschäft mehr:

„Ohne die Förderung der EU könnte ich den Laden sofort zumachen. Dann gäb’s hier keine Kühe mehr, wir Bauern wären arbeitslos und um die Landschaft würde sich auch keiner kümmern. Würde mich mal interessieren, wie viele Touristen noch kämen, wenn man die Berge vor lauter Bäumen nicht mehr sähe.“ 

Dann will mir Martin seinen „ganzen Stolz“ zeigen und nimmt mich mit neben das Haus.

Ich erwarte einen Stall mit einer dralleutrigen Milchkuh. Oder eine Tochter mit drei bildhübschen Enkelkindern. Oder wenigstens ein Album mit Bildern von den Auftritten seiner Hardrock-Coverband.

Tatsächlich führt mich Martin zu einer Garage und öffnet das Tor. Sein ganzer Stolz, das ist ein nagelneuer Kleinwagen mit Elektroantrieb.

„Schafft 400 Kilometer mit einem Mal Laden. The future is now!“, strahlt mich Martin an. Dann lädt er mich zum Abschied auf ein Glas Wein in seine Wirtschaft ein.

„Und bring deinen Mann mit!“

Hat er „Mann“ gesagt? Man sollte die Leute hier wohl nicht unterschätzen.


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Da mir zahlreiche Facebook-Follower den Wörthersee empfehlen, verlassen wir das Lesachtal Richtung Villach und werden bald Zeugen eines beeindruckenden Schauspiels: Wenn man das jährliche Kärntner GTI-Treffen mal verfilmen wollte, wäre „Männer, die auf Felgen starren“ ein sehr passender Titel. Tausende junge Männer und ein paar über sich selbst erstaunte Frauen sitzen einmal im Jahr an den Straßen rund um den Wörthersee, warten darauf, dass ein aufgepimpter VW mit glänzenden Felgen an ihnen vorbeifährt, und vertreiben sich die Wartezeit mit Alkohol und noch mehr Alkohol. Es ist quasi wie Angeln, nur ohne Angel. Und ohne Fische. Und ohne Sinn.

Man kann sich also bessere Zeitpunkte für eine Nacht am Wörthersee aussuchen. Vor allem, wenn man campen will. Die halbe Nacht hören wir sehr laute und beeindruckend schlechte Musik von links und rechts. Und den Geräuschen nach zu urteilen, wird aus „Männern, die auf Felgen starren“ ab zwei Uhr nachts „Männer, die in Büsche göbeln“ und ab vier Uhr „Männer, die einen drolligen Versuch in Sachen Geschlechtsverkehr starten und auf halber Strecke einschlafen“.

Mit nur halb geöffneten Augen sitzen wir am nächsten Morgen vor unserem Wohnmobil, genießen die Stille und unseren Kaffee. Die Campingplatzbesitzerin kommt vorbei, fischt mit einem Greifarm ein Kondom aus dem Kirschlorbeer und schaut uns bedauernd an. Sie deutet auf unsere komatös schlafenden felgenbegeisterten Nachbarn: „Die tun ja keinem was“, seufzt sie schulterzuckend. „Aber die Hellsten sind die nicht.“ 

Es wird Zeit, weiterzufahren.